Das Generikum

"Bei Generika handelt es sich um Arzneimittel, welche die identischen Wirkstoffe wie die ursprünglich patentierten Arzneimittel der Erstanbieter enthalten. Trotz der hohen Qualität sind Generika erheblich preiswerter."

Im Namen des Weltgeistes, des Synergieeffektes und der selektiven Absatzpolitik: Ein Traktat für Menschen, die sich einer untergegangenen Welt erinnern, eine Handreichung aus der Vergangenheit, kein wehmütiger Abgesang. Einzig ein meißelndes Palaver gegen eine Gestaltung von Zukunft mit Elementen, ohne Ausdehnung oder Herkunft. Ein Imbroglio aus Leidenschaft und Naivität.

Das Manifest der Generation des Generikums. Üblich. Ein Augenschein für Zeiten in denen es keine Verkündungen mehr gibt - weil es schon zu viele gab. Das ist unsere Wunde, die ihr Pflaster mit sich führt.

Auf selbstgefälligem Kampfposten in einer Gesellschaft ohne Antrieb zur Revolte, dafür aber mit zahlreichen Ratgebern in Paperback: Gefangen in einem Alltag, der zunehmend einem Marketingabziehbild gleicht. Auch eine Liebeserklärung folgt den Standards, welche der aktuelle Film mit Hugh Grant vorgibt. Vergessen Sie nicht ihr Textbuch (www.amazon.de). Authentizität vermuten wir gestern. Gab es sie jemals?

Vielleicht - weil es damals noch nicht für jeden Lebensbereich ein Vorbild gab. Engstirnig, aber fordernd. Irgendwo Benn aufgeschnappt: "Glück ist es dumm zu sein und Arbeit zu haben." Heute sind wir klug und haben keine Arbeit: Neudeutsch Risikobiographie. Wenn uns tatsächlich mal die Worte fehlen spricht Thesaurus. Und doch ...

Wir tragen sie alle in uns: Eine Erinnerung von Aufwärts, von Zusammengehörigkeit, von Entdeckung, einen wehmütigen Wunsch nach Nähe. Gemeinschaft nannte dies ein Holsteiner Soziologe: Ferdinand Tönnies sprach von der Verbundenheit des Herzens gebaut auf einem geistigen Fundament von Gefallen, Gewohnheit und Gedächtnis. Kuschelig nennt es die Gala und veröffentlicht eine reichbebilderte Homestory.

Wir waren jung und es ist noch nicht einmal so lange her: Die Familienfotos von damals sind immerhin farbig vergilbt: Die Welt ein Haus voll Licht und Schatten indem jeder Bewohner spürte, dass es einen Unterschied zwischen Erde und Paradies gab. Damit hatten wir uns abgefunden, denn wir lebten im Zeitalter des Surrogats: Des nicht vollwertigen Ersatzes. Waren keine Orangen vorhanden wurde zum Apfel gegriffen. Das Erwünschte fehlte. Wir akzeptierten es saisonbedingt und ernteabhängig: Nüsse nur an Weihnachten. Es gab ja auch Fleisch nur beim Schlachter und Obst nur im Obstladen. Irgendwann änderte sich die Situation: Süße Pomeranzen überall und immer, von Jaffa über Navel bis Valencia. Orangen satt - einzig die Qualitäten unterscheiden sich noch (Handelsklasse 1-4). Aber das ist nicht entscheidend: Denn der Mensch, der zuvor keine Orangen kaufen konnte, glaubt sich aufgestiegen. Alles scheint erreichbar dank sozialverträglicher Raten für den Neuwagen mit neun Jahren Laufzeit und Niedrigzins. Faszinierend.

Und bald glaubten die Gefühle daran. Wenn wir braun sein können ohne die Sonne zu sehen, dann müssten wir doch auch lieben können ohne zu fühlen. Aus Stimuli wurden Resultate. "Ich liebe dich, aber nur mit Ehevertrag." Wenn Gefühle generisch sind, gipfelt Emotion in einer Unique Selling Proposition: Zwischen Plastikarmaturen "Freude am Fahren" empfinden und sich dabei unter dem tanzenden Duftbäumchen Vanille selbst ernst nehmen. Wir kennen es, denn wir sehen es täglich: Nicht nur im Fernsehen, sondern zu jeder Zeit in der Reflexion unseres Selbst in den Augen der Anderen. Da sind wir angekommen. Alles ist funkelnd absurd. Aber nicht unbequem.

Und so wurde es ruhig und zufrieden um uns herum. Die Phantasie, der Mut, der Tatendrang, der Wille die Wünsche zu erfüllen, chancenlos gegen eine Auswahl, die überfordert und uns zwischen unzähligen Möglichkeiten zerreibt: Vitamintabletten, die ihre Inhaltsstoffe zeitversetzt abgeben, um eine optimale Wirksamkeit über den Tag zu erreichen. Seelische Sahnehäubchen gegen eine dröhnende Ungewissheit in der Welt. Wer will da noch in einen verwegenen Apfel beißen? Es ist doch alles da.

Die Aufführung läuft, das Publikum ist sich über die Bewertung einig, nur auf den hinteren Rängen rumort es. Die sind zum Glück weit weg. Vorne tost der Segen aus dem Soufflierkasten. Immerdar. Streuen wir Sand auf die Narben der Vergangenheit und schauen nach vorn: "Seitdem ich einen Hund habe, bin ich viel selbstbewusster geworden. Hunde musst Du anschreien." Ist irgend etwas schiefgegangen? Nein, es tuckert nur ganz grandios.

Heureka.
Generika.

Neulich gingen wir spazieren: Junge Mütter bewachten ihre auf Holzrädern fahrenden Kinder, die entweder Tjark oder Luisa hießen. Andere kauften Dinkelbrot und trugen hübsche Jacken, die alle trugen. Die ganze Szenerie war überaus nett anzusehen: Die gepflegten Menschen, die beleuchteten Straßen, die opulent dekorierten Auslagen in den Fenstern der Geschäfte. Wir haben uns sehr wohl gefühlt und unter der wärmenden Sonne ein leckeres Eis genossen, die Sorte nannte sich Priapismus: Erdnuss und Karamel. Alles wie immer.

Die Bilder im Kopf sind bestimmt. Das Programm ist festgelegt. Piktogramme. Gotteslob. Alles ist zur Passion geworden, weil wir angefüllt mit generischen Schrottteilen sind, die sich unauflösbar ineinander verkeilt haben. Verwirrend. Ruhig, ruhig. Es tut gar nicht weh. Im Gegenteil: Es lebt sich gut. Es schmunzelt sich herzhaft. Wie schrieb Alain: "Im Lächeln entspannt sich alles, ohne irgendwelche Unruhe oder Abwehr. Im Lächeln ist etwas von der Kindheit; es ist Vergessen und Neubeginn." Das hilft uns ein wenig weiter. Zumindest bis zum nächsten Postgraduierten-Praktikum.

Darüber und über einiges anderes haben wir geschrieben. Weil wir gerne lächeln. Wir möchten auch gar nicht groß stören.
Weil alles gut ist wie es ist. Und wäre es anders, dann wäre es allenfalls anders. So simpel ist das im Zeitalter des Generikums.

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