Auszug: Die Agentur

Ausflüge in die Tierwelt. Heute: Der Werber

Unsere Epoche ist von dem festen Glauben beseelt, dass es sich bei Mozart, Picasso und Brecht um Künstler handelt. Dafür sorgen stets wiederkehrende Jubiläumsausgaben in Großdrucktypografie und ambitioniert verwackelte arte-Dokumentationen. Das spricht zwar nicht für die globale Intelligenz, allerdings auch nicht gegen sie. An irgendetwas muss ja geglaubt werden, nachdem weder Harald Juhnke noch Photovoltaik augenblicklich massengängig sind. Ob Musiker, Maler oder Schriftsteller, allein diesen Berufsgruppen haftet der Nimbus einer schaffensreichen Freiheit an. Selbstverwirklichung nennen wir das mit ernsten Kopfnicken. Deshalb ist heute jeder Künstler - zumindest in seiner Freizeit.

Wir malen Aquarelle in Volkshochschulen, töpfern in Gummizughosen auf toskanischen Hügeln oder erwerben im Studienkolleg "Fortbildung" ein Zertifikat als "Geprüfter Schriftsteller". Anschließend hängen unsere Werke in der Hauptvitrine der Volksbank Syke gleich neben den Geschäftsbedingungen. Selbst der Deutsche Paketdienst fordert auf seinen Lieferwagen: "Werden Sie Expressionist". Jedoch: richtige Künstler gibt es selten. Eine Nische für sie hat sich in die moderne Arbeitswelt hinübergerettet: Bei entsprechendem Abschluss (z.B. Magister in Finno-Ugristik/Althebräistik) oder subtiler Debilität, die sich mitunter an bedruckten Textilhinterteilen manifestiert, kann der Mensch gesellschaftlich anerkannt schaffen, aber dennoch Künstler sein. Bei Erfolg besteht sogar die berechtigte Aussicht auf eine Amexco-Platin.

Alles was es dazu braucht, ist ein Beruf bei den geistvollen Zuträgern unserer absatzorientierten Welt: Die Werbeagentur als Kathedrale moderner Kreativität, meist zu finden in den besonders homophilen Quartieren großer Metropolen, verheißt sozialversicherte Absolution für Zeitgeistexistentialisten mit Entfaltungsmöglichkeiten auf unzähligen Individualitätskorridoren. Der ganze Arbeitsplatz ein Atelier - nur dass wir ohne Pastell, dafür mit konditionierter Luft, knalligen Beamer-Präsentationen und dramatisch spritzigen Ideen kritzeln. So ist es nur zwangsläufig, dass in einer Zeit in der selbst das Schriftbild dank MS-Office standardisiert ist, die Menschen sich aber gleichzeitig als so individuell wie noch nie begreifen, der Wunsch am offiziellen Glorienschein des persönlichen Entwurfs teilzuhaben äußerst erstrebenswert ist. So sehr, dass man gerne ausschließlich arbeitet, auf Urlaub verzichtet und Gewerkschaften als Folklore des mittleren Tertiärs begreift. Kunst ist Berufung und Berufung das Gegenteil von Job: Kreativität ist schließlich ein permanenter Zustand. Oder hätte Grass seine Röthelradierungen jemals beendet, wenn er an einen Tarifvertrag gebunden wäre?

Werber sind die Künstler unserer Zeit. Kreativ, intellektuell, eifrig und zahlreich. Sie fräsen aus ihren Kapillaren segensreiche Wort- und Bildschöpfungen, sie erschaffen auf millionenfachen Staffagen globale Portraits, Gemälde und Gobelins in eindeutiger Herrlichkeit, von deren Betrachterzahlen der Louvre oder die Uffizien nur träumen können. Werber sind die meißelnden Bildschöpfer und die glattrasierten Sandmännchen unserer Träume. Sie sind die Impressionisten einer expressiven Zeit, weg vom Inhalt hin zur Atmosphäre: Come to where the feeling is. Daher haben sie auch eigene Preisverleihungen und Vernissagen, bei denen sie die Meister ihrer eigenen Zunft krönen und anschließend unauffällig ihre Tramezzini in den Terracotta reihern. Wer wäre nicht gerne einer von ihnen?

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